Todesurteil Knast: Ihr braucht euch nicht zu wundern, wenn Häftlinge sterben

Ich saß dreieinhalb Jahre im Gefängnis, davon anderthalb in Tegel, weil ich Mitglied der linken „Militanten Gruppe“ war. Seit zwei Jahren bin ich frei und nun Sprecher der Gefangenen-Gewerkschaft. So habe ich Kontakt zu Häftlingen in ganz Deutschland.

Daher weiß ich auch, wie es in der JVA Leipzig, wo sich der mutmaßliche Selbstmordattentäter Dschaber al-Bakr erhängt hat, aussieht.

Al-Bakr hat sich an einem Vorgitter stranguliert. Solche Vorgitter gibt es in der JVA Leipzig nur in Vandalenzimmern. In diesen Zimmer sind alle Möbel fest im Boden verschraubt und hinter der Zellentür befindet sich das Vorgitter, das die Beamten vor Übergriffen schützen soll.

In Leipzig gibt es aber auch Zellen mit höheren Sicherheitsstandards. Sogenannte Bunker. In der Zelle befinden sich keine Einrichtungsgegenstände – lediglich eine französische Toilette und eine feuerfeste Matratze. Also nichts, womit sich jemand das Leben nehmen kann.

Warum die Verantwortlichen al-Bakr nicht dort hin verlegt haben, verstehe ich nicht. Das ist ein ganz massives Versäumnis der Anstaltsleitung und letztlich auch ein Versäumnis des gesamten Justizapparates in Sachsen. Die Verantwortlichen hätten begreifen müssen, dass er suizidgefährdet ist. Gerade in den ersten Tagen sind Häftlinge sehr labil.

Mehr zum Thema: Im Tegeler Gefängnis schuften die lnhaftierten für einen Hungerlohn

Ich frage mich auch, wie man sich mit der Anstaltskleidung erhängen kann. Die Kleidung, die ich kenne, die von der Gefängnisleitung verteilt wird, ist in der Regel nicht sonderlich belastbar, um es mal vorsichtig zu sagen. Wie er das geschafft hat, weiß ich nicht.

Al-Bakr ist kein Einzelfall. Denn es fehlt nicht nur an qualifiziertem Personal, sondern auch an der Umsetzung der Standards, zum Beispiel bei der Beaufsichtigung von latent oder akut suizidalen Inhaftierten.

In den JVAs sterben Menschen im Wochentakt. In meiner Zeit in der JVA Tegel habe ich mehrere Todesfälle von Inhaftierten teils direkt erleben müssen. Darunter waren auch Freitode. Einige starben aber auch wegen menschlichem Fehlverhalten.

Haftanstalten sind ein Ort medizinischer Nichtversorgung

Die medizinische und psychotherapeutische Versorgung in den Haftanstalten ist in der Regel katastrophal. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass das Vollzugsleben für Inhaftierte oft durch eine medizinische Nichtversorgung gekennzeichnet ist.

Ich habe fünf bis sechsmal erlebt, wie Menschen aufgrund unterlassener Hilfeleistung gestorben sind. Zum Beispiel hatte ein Kollege einen Schlaganfall und die Ärzte griffen zu spät ein. Ein andere war krebskrank und erhielt keine angemessene medizinische Behandlung. Er starb auch.

Es kann einfach nicht sein, dass Haftanstalten für Gefangene Orte des unnatürlichen Todes werden. Ich habe den Eindruck, dass Gefangene die JVA in einem schlechteren Zustand verlassen als bei ihrer Verhaftung. Und manchmal ist der Knast sogar ihr Todesurteil.

Und was noch schrecklicher ist: Die Medikamente, die für die Inhaftieren vorgesehen sind, werden zum Teil von den Bediensteten entwendet und zwar für ihren privaten Gebrauch. Für die Häftlinge bleiben meist nur die billigen Medikamente übrig. Selbst schwer Erkrankte werden mit Ibuprofen oder Paracetamol behandelt. Da braucht sich keiner zu wundern, wenn Häftlinge sterben.

Der Text wurde von Katharina Pichler aufgezeichnet.

Quelle: http://www.huffingtonpost.de/oliver-rast/todesurteil-knast-ihr-bra_b_12557372.html?1476892457

3 Kommentare

  1. Schickt die Knastärzte und alle Psychologen sowie Therpeuten in die Wüste und grabt sie ein so tief daß sie nicht mehr rauskommen.
    Ich habe meine Erfahrungen gemacht und sage heute,in der Justiz dürfen sie Scheiße bauen den sie behandeln Menschen wie Tiere in der Tat !
    Warum steht dort eine “ Knastmauer “ klar erstens das keiner abhaut und zweitens daß man nicht sieht wie mit “ Knackis “ umgegangen wird !
    Die Würde im Knast ist antastbar weil sich fast Niemand interessiert..

    Jürgen

    1. Ja es ist wahr, für die skandalösen Zustände in deutschen Haftanstalten interessiert sich die Öffentlichkeit nicht. Mein Mann ist in der JVA Rheinbach inhaftiert, erlebte Willkür, Gewalt, Isolationshaft und wurde bedroht. Grund, er machte nur von seinem Recht der Beschwerde Gebrauch beim Amtsgericht Bonn. Hilflosigkeit hinter den Mauern und vor den Mauern. Ich befürchte, wenn ich mich für ihn einsetze, dass es ihm dann noch schlimmer ergeht. Bin froh, dass es Leute gibt wie Dich.

      Karin

      1. Liebe Katrin,ich war 30 Jahre und 7 Monate hinter den Eisenstäben.
        Ich bin heute ein “ Freier Journalist “ Mein Motto lautet : Sie lügen wie gedruckt und ich drucke was sie lügen .
        “ Die Mafia trägt schwarz “
        Am 20.05 bis 21.05.2017 ist eine Kundgebung vor dem Knast in Berlin Tegel wo ich auch eine Rede halten werde,schalte den Fernseher ein oder komme in die Seidelstraße vor dem Knast um 15.00 Uhr in Berlin.
        “ Erbarme zu spät die Hessen kommen “

        Liebe solidarische Grüße und durchhaltevermögen für Dich und deinen Lebenspartner wünscht die..

        Jürgen
        Die Initialzündung von der JVA Butzbach/Hessen
        Hier meine Mail : Kobra.11@gmx.de

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